Mit Humor und Tiefgang: Annette Jantzen eröffnet neue Perspektiven auf biblische Frauen

08.07.2026 |

„Schön, dass Sie noch da sind“, begrüßte Annette Jantzen die Anwesenden.....

Rund 70 Interessierte folgten am 3. Juli der Einladung zu einer Lesung mit der Theologin und Autorin Annette Jantzen. Trotz einer erheblichen Verspätung der Referentin aufgrund von Problemen im Bahnverkehr wartete das Publikum geduldig – und wurde gleich zu Beginn mit einem augenzwinkernden Einstieg belohnt: „Schön, dass Sie noch da sind“, begrüßte Annette Jantzen die Anwesenden und gewann damit sofort die Sympathie des Saales.
Mit ihrer ebenso humorvollen wie pointierten Art schlug sie zunächst eine Brücke von ihrer eigenen Biografie zu ihrem Buch. Dabei machte sie deutlich, wie ihr eigenes Fragen nach den „unsichtbaren“ Frauen der Bibel sie dazu geführt hat, sich intensiv mit den Leerstellen kirchlicher Tradition und insbesondere der Leseordnung auseinanderzusetzen. Viele biblische Texte über Frauen, so zeigte sie auf, kommen in den sonntäglichen Gottesdiensten gar nicht oder nur stark gekürzt vor. Dadurch bleiben wichtige Erfahrungen, Perspektiven und Glaubenszeugnisse weitgehend unbenannt.
Anhand vier biblischer Frauengestalten führte Annette Jantzen eindrucksvoll vor Augen, wie viel Kraft und Aktualität in diesen Erzählungen steckt. Hagar steht für die Erfahrung von Ausgrenzung, Flucht und Befreiung – und für die tröstliche Zusage, von Gott gesehen zu werden. es ist gleichzeitig die erste Stelle im Ersten Testament, bei der Gott beim Namen genannt wird. Dieses wichtige Zeugnis einer Frau wird in der Leseordnung unterschlagen. Die Geschichte von Abigail erzählt von einer Frau, die mit Klugheit, diplomatischem Geschick und Mut agiert und die erste ist, die mit prophetischer Zusage David begegnet. Diese Zusage, die später von Nathan wiederholt wird, ist besser bekannt, da das die Geschichte ist, die in der kirchlichen Tradition erzählt wird. Mit Hulda rückte Jantzen eine Prophetin in den Mittelpunkt, deren geistliche Autorität Könige anerkannten und bei der sie Rat suchten – eine biblische Stimme, die vielen heute kaum noch bekannt ist. Schließlich wird Judith als entschlossene Frau vorgestellt, die Verantwortung übernimmt und mit Weisheit und Entschlossenheit ihr Volk rettet. In ihrer Geschichte wird erzählt, wie Gott männlicher Macht ein Ende setzt – in der katholischen Leseordnung leider nicht auffindbar.
Immer wieder zeigte die Referentin, dass diese Frauen keine Randfiguren sind, sondern eigenständige Glaubenszeuginnen, deren Geschichten bis heute inspirieren. Mit sprachlicher Leichtigkeit, feinem Humor und zugleich großer theologischer Tiefe regte sie dazu an, vertraute Bibeltexte neu zu lesen und den Blick für die Vielfalt biblischer Erfahrungen zu öffnen.
Die lebendige Atmosphäre, das aufmerksame Publikum und die anregenden Impulse machten den Abend zu einer gelungenen Veranstaltung. Viele Gäste nutzten im Anschluss die Gelegenheit zum persönlichen Gespräch mit der Autorin und zum Austausch, über die neu gewonnenen Perspektiven auf die biblischen Frauengestalten.
Wer sich auch für den Workshoptag am darauffolgenden Samstag angemeldet hatte, konnte diese Erkenntnisse noch vertiefen. Der Tag bot die Möglichkeit, sich mit dem eigenen Gottesbild auseinandersetzten, darüber ins Gespräch mit anderen zu kommen und durch Annette Jantzen in den Blick auf die Weite und Vielfalt der Rede von Gott im Ersten und Zweiten Testament mit hinein genommen zu werden.